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Kostenloser öffentlicher Verkehr

Tallinn, die Hauptstadt Estlands mit gut 440‘000 Einwohnern, hat die Herausforderung angepackt und bietet der Bevölkerung seit Januar 2013 einen kostenlosen öffentlichen Verkehr. Mit dem Ziel, den öV zu fördern, die Nutzung des Individualautos zu reduzieren und vermehrt eine ökologische Mobilität anzubieten, haben die lokalen Behörden eine Abstimmung lanciert und die Bevölkerung zum Thema «Gratis-öV» befragt. Wenig überraschend stimmten die Tallinner der Massnahme massiv zu – und profitieren seit dem 1. Januar 2013 von einem kostenlosen öV-Stadtnetz.

Tallinn ist die erste Hauptstadt dieser Grösse, die den öV kostenlos anbietet. Aber: Nicht alle Benutzer betrifft es. Der «Gratis-öV» beschränkt sich auf die Einwohner von Tallinn, die ihren Haupt- (und Steuer-) Wohnort in Tallinn haben, auf Studenten, die in der Datenbank der estnischen Studenten sind, und auf Reisende über 65 Jahre aus ganz Estland (und nicht nur aus Tallinn). Einwohner von Nachbargemeinden, Pendler, Ausflügler und Touristen müssen weiterhin bezahlen, um die städtischen öV-Transportmittel zu benutzen. Das Billett für eine klassische Fahrt kostet zwei Euro.

Jeder offiziell bei der Gemeinde Tallinn angemeldeter Einwohner bekommt eine nominelle Chipkarte, um auf dem ganzen öV-Netz der Hauptstadt gratis zu fahren. Beim Einsteigen registriert er sich im Fahrzeug bei einem Kartenleser.

Gratis ja – aber nicht für alle

Die kostenlose öffentliche Mobilität in Tallinn wird hauptsächlich durch Mehreinnahmen bei den Gemeindesteuern finanziert. So will Tallinn indirekt ihre Bevölkerung dazu animieren, sich offiziell bei der Gemeinde anzumelden. Aus verschiedenen Quellen haben sich 25‘000 Personen seit der Einführung des Gratis-öV angemeldet, die Steuereinnahmen sind markant gestiegen. Um die Zunahme der Betriebskosten zu decken prüft die Gemeinde andere Finanzierungslösungen wie beispielsweise eine Preissteigerung bei den Parkplätzen.
Auch mehrere andere (meist) kleinere Städte und Agglomerationen in Europa bieten einen kostenlosen öV in verschiedenen Formen, sei es nur für Einwohner (manchmal auf das Steuereinkommen basierend) oder auf eine beschränkte Anzahl von Linien (Stadtzentrum, Agglomeration, etc.).

Zwei unterschiedliche Beispiele

Die französische Stadt Aubagne und ihre Agglomeration (mit mehr als 100‘000 Einwohnern) bietet seit 2009 ihr öV-Netz kostenlos an. Die Region kommuniziert diesbezüglich mit dem Motto «Liberté, Egalité, Gratuité» («Freiheit, Gleichheit, Unentgeltlichkeit»). In Aubagne ist der öV durch die «Transport-Abgabe» finanziert, die Unternehmen mit mehr als neun Mitarbeitenden bezahlen müssen. Der öV ist für alle gratis (Einwohner, Pendler, Touristen und Ausflügler).

Anders die belgische Gemeinde Hasselt  mit 70‘000 Einwohnern: Sie hat 1997 als Pionier den Gratis-öV eingeführt, um das Stadtzentrum vom Autoverkehr zu entlasten und als Gegenmassnahme zum Bau einer Umfahrungsstrasse. Dies hat es erlaubt, die Frequenzen in zehn Jahren zu verzehnfachen und das öV-Netz zu entwickeln (von drei auf mehr als 50 Linien). Dieser Ausbau hatte hohe Kosten zur Folge, welche die Gemeinde ohne Ticketeinnahmen nicht mehr decken konnte. Um diese Kostenentwicklung zu bewältigen hat Hasselt den Gratis-öV 2013 wieder aufgehoben.

Fazit: unbeschränkter Gratis-öV wird oft als Wundermittel gegen die Zunahme motorisierten Individualverkehrs in den Städten und für eine Verbesserung der Lebensqualität vorgestellt. Es ist eine zielgerechte Lösung, aber die Umsetzung ist heikel. Die langfristige Finanzierung muss regelmässig angepasst werden, um die schwierig vorhersehbare Entwicklung des Angebotes und der Nachfrage zu bewältigen.